ENNETACH

Das Ennetacher Kastell

So könnte es ausgesehen haben:
dreidimensionaler Rekonstruktionsversuch des Ennetacher Kastells mit Unterkünften für die Soldaten (contubernia), Kommandogebäude (principia), Haus des Lagerkommandanten (praetorium), Wachtürmen und Toranlage.
Rekonstruktion: Andreas Heckenberger M.A.

DIE TRUPPE AUF DEM ENNETACHER BERG

 

Die auf dem Ennetacher Berg stationierte Einheit war eine Vexillation. Doch wie kann man das feststellen?
Zum einem kann man anhand der Lagergröße Rückschlüsse ziehen auf die Einheit, die das Kastell gebaut und eventuell auch bewohnt hatte.
Zum anderen lassen die Funde aus den Grabungen auf dem Ennetacher Berg die Annahme zu, dass hier eine gemischte Truppe stationiert war, die aus verschiedenen Spezialisten bestand. Kleine, unscheinbare Schließen gehören zu sogenannten Schienenpanzern, wie sie Legionäre trugen.
Herzförmige Anhänger und Riemenenden sowie Trensenscheiben aus Bronze gehörten zum Pferdegeschirr, was auf Reiter schließen lässt.
Ein Bogenendbeschlag aus Bein von einem Reflexbogen beweist die Stationierung von Bogenschützen, die damals häufig aus dem Nahen Osten oder aus Nordafrika kamen. Vergleiche des Fundmaterials mit anderen Kastellen der 2. Hälfte des 1. Jhs. n. Chr. an der oberen Donau zeigen, dass die Stationierung von gemischten Verbänden aus Legions- und Auxiliarsoldaten üblich war.

RÖMISCHE KASTELLE

 

Die Anlage eines römischen Kastells war abhängig vom Gelände, der Einheit, dem Zweck, aber auch der Zeit, in der es gebaut wurde. Zudem unterscheidet man feste Standlager und Marschlager. Letztere wurden in Feldzügen nur für kurze Zeit angelegt und bestanden aus Zelten ohne feste Innenbebauung. Standlager hingegen waren über einen längeren Zeitraum hinweg belegt und die Truppe dauerhaft dort stationiert. Oft war aber der Hauptteil der Besatzung auf Feldzügen und kam nur im Winter zurück. Das Lager war dann nur von einer kleinen Resteinheit bewacht. Die Innenbebauung bestand aus hölzernen Gebäuden und ab dem späten 1. Jh. n. Chr. meist aus Steinbauten. Die Anlage eines Kastells folgte immer einem Grundschema, so dass sich Soldaten darin schnell zurechtfanden.

DAS KASTELL AUF DEM ENNETACHER BERG

 

Das Aussehen des Kastells auf dem Ennetacher Berg ist heute noch nicht gänzlich bekannt. Im Westen schloss ein Doppelgrabensystem das Plateau ab. Die Ausgrabungen brachten kreisrunde, dunkle Verfärbungen zum Vorschein. Dabei handelt es sich um die Pfostenlöcher, in denen die Torkonstruktion gestanden hatte. Auf jeder Seite der 4,8 m breiten Durchfahrt stand ein hölzerner Torturm auf vier mächtigen Pfosten. Insgesamt war das Tor ca. 11 m breit. Da sich die Pfosten teilweise überlagerten, kann man von zwei Bauperioden ausgehen. An das Tor schloss sich eine Mauer, möglicherweise eine Holz-Erde-Mauer an. Da keinerlei Pfosten davon erkennbar waren, was an der starken Erosion des Geländes liegen mag, kann es sich auch um eine Rasensodenmauer gehandelt haben. Im Vorfeld des Kastells befanden sich mindestens 7 Gräben, die sich zum Teil überschnitten. Es ist deshalb davon auszugehen, dass es zwei oder sogar drei Bauphasen gab und jeweils mindestens zwei Gräben gleichzeitig bestanden.

Die Fläche, die durch die Gräben bis hin zur Hangkante eingeschlossen wird, beträgt etwa 1,4 ha. Im Vergleich zu anderen Kastellen liegt die Größe im unteren Bereich eines Auxiliarlagers und würde einer Infanterieeinheit von ca. 500 Mann (cohors quingenaria peditata) genügend Platz bieten. Zur Orientierung: ein Kastell einer ala milliaria (1000 Reiter) umfasste 5-6 ha Innenfläche und ein Legionslager bis zu 20 ha. Ungewöhnlich ist allerdings die Form der Anlage: das Ennetacher Kastell scheint trapezoid zu sein und nicht, wie sonst in dieser Zeit üblich, rechteckig. Der genaue Verlauf der Umwehrung ist aufgrund der starken Erosion aber nicht rekonstruierbar. Eine mögliche Erklärung für die ungewöhnliche Form könnte sein, dass die römischen Soldaten das Lager dem vorhandenen Gelände anpassten und die Form des Sporns ausnutzten, wobei deshalb auch ein Dreieck möglich wäre. Die zahlreichen Münzen, Keramikfunde und militärischen Ausrüstungsgegenstände erlauben die zeitliche Einordnung des Kastells: es wurde in den 30/40er Jahren des 1. Jhs. n. Chr. aufgebaut und wohl in den 70/80er Jahren wieder aufgegeben.

Rekonstruktion der ersten Bauphase des Kastells Künzing (Quintana) um 90 n. Chr. als Holz-Erde-Kastell, wie auch das Ennetacher Kastell wohl gebaut war: 1. Kasernen (contubernia), 2. Kommandogebäude (principia), 3. Haus des Lagerkommandanten (praetorium), 4. Lagerhaus (horreum), 5. Pferdeställe (stabulum), 6. Lagerlazarett (valetudinarium).

Rekonstruktionszeichnung der
Toranlage des Ennetacher Kastells

Rekonstruktionszeichnung der Toranlage des Kastells Künzing (Quintana), um 90 n. Chr.

Rekonstruktion der Toranlage von Rigola
(Riegel am Kaiserstuhl), 2. Jh. n. Chr.

DER VICUS VON ENNETACH

Römische vici sind dorfartige Siedlungen, die oft außerhalb eines Militärlagers oder an einer verkehrsreichen Straße entstanden. Zu letzteren gehört, vom späten 1. bis ins 3. Jh. n. Chr. die Siedlung von Ennetach. Die typischen Gebäude waren bis zu 40 m lange Streifenhäuser, deren 5-12 m breite Schmalseiten zur Straße hin orientiert waren und einen vorgelagerten Bereich mit Überdachungen (porticus) haben konnten. Im vorderen Teil lagen Verkaufsräume (tabernae), darunter häufig Keller. Dahinter folgte der Wohntrakt und anschließend der Gewerbebereich mit Hofareal, in dem sich auch Abfall- und Vorratsgruben, Brunnen oder Latrinen befanden.