GESCHICHTLICHES

DIE RÖMER AN DER OBEREN DONAU

 

Das Gebiet an der oberen Donau gehörte von 15. v. Chr. bis Mitte 3. Jh. n. Chr. zum Römischen Reich. Ennetach gehörte zur Provinz Raetien (Raetia), die vom Bodensee bis zur Donau (später bis zum Limes) und von der Südwestschweiz bis zum Inn ein Gebiet von rund 80.000 km² umfasste. Westlich davon schloss sich die Provinz Obergermanien und östlich davon Noricum an.
Das Gebiet an der oberen Donau wurde im Rahmen des Alpenfeldzuges 15. v. Chr. unter Kaiser Augustus (27 v. Chr.-14 n. Chr.) Teil des Römischen Reiches.

Verwaltungs- und militärrechtlich gehörte die spätere Provinz Raetien zunächst zum westlich angrenzenden Militärdistrikt Germania und wurde frühestens unter Kaiser Tiberius (14-37 n. Chr.) als Provinz eingerichtet. Verwaltet wurde die kaiserliche procuratorische Provinz Raetien von einem ritterlichen procurator als Statthalter, der gleichzeitig den Oberbefehl über das in der Provinz stationierte Militär hatte, das aus Auxiliareinheiten bestand.
Die Hauptstadt und der Sitz des Statthalters waren in Augsburg (Augusta Vindelicorum). Es wird angenommen, dass zuvor Kempten (Cambodunum) die Funktion der Provinzhauptstadt inne hatte.
Im Zusammenhang mit der Provinzgründung steht auch die Einrichtung des Donaulimes in den 30/40er Jahren des 1. Jhs. n. Chr. Diese erste Kastellkette befindet sich direkt an der Donau, die die Nordgrenze Raetiens bildete. Dabei wurde vor allem an möglichen Donauübergängen Militär stationiert, so auch in DIE

Die römischen Provinzen im Alpenraum um 14. n. Chr.

Kaiser Tiberius (14-37 n. Chr.)

Neben militärischen Aufgaben und der Kontrolle des Handels (z. B. Zoll) sorgte das Militär für den Aufbau der Infrastruktur, insbesondere des Straßenbaus, was zunächst natürlich aufgrund strategischer Überlegungen geschah. Für Ennetach bedeutet dies, dass der bereits seit Jahrhunderten genutzte Donauübergang auch in römischer Zeit Bestand hatte und überdies die Voraussetzungen für die spätere Straßensiedlung bot. Im Vorfeld des Militärlagers entstand ein heute noch nicht genauer bekannter Kastellvicus, in dem sich Angehörige der Soldaten ansiedelten, aber auch sonstige Menschen, die mit und vom Militär lebten.
Eine Veränderung der Situation kam mit dem Vierkaiserjahr 69/70 n. Chr.: nach der Ermordung Neros (54-68) wurden Galba in Spanien, Otho in Rom, Vitellius am Niederrhein und Vespasian in Syrien zu neuen Kaisern ausgerufen, was zu einem zweijährigen Bürgerkrieg führte. Auch Raetien war in den Kampf um den Kaiserthron verwickelt, wie Brand- und Zerstörungsschichten in Siedlungen und Kastellen belegen – für Ennetach ist dies allerdings nicht nachgewiesen. Vespasian (69-79) ging schließlich als Sieger hervor. In den Folgejahren wurden die Truppen in Germanien ausgetauscht, zerstörte Orte wieder aufgebaut und Kastelle neu organisiert. Das Militär am westlichen Donaulimes wurde auf die Alb vorverlegt an den sog. Alblimes, der um 90 n. Chr. fertig gestellt wurde. Somit zog auch das Militär vom Kastell Ennetach ab in Richtung Norden. In derselben Zeit begann sich der Straßenvicus am Fuß des Ennetacher Berges zu entwickeln, da vor allem für Händler günstige verkehrsgeographische Bedingungen vorhanden waren.
Durch den Bau des Odenwald-Neckar-Limes, der wohl schon von Domitian (81-96) geplant und unter Traian (98-117) durchgeführt wurde, verschob sich die Grenzlinie in Südwestdeutschland weiter nach Osten bzw. Norden. Damit verbunden war auch der Bau einer Straße vom Rhein an die untere Donau nach Mainz (Mogontiacum) nach Augsburg (Augusta Vindelicum). Das Legionslager Vindonissa (Windisch/Schweiz) wurde aufgelassen und das Gebiet an der oberen Donau endgültig zum zivilen Hinterland.
Im 3. Jh. veränderte sich die Lage im Römischen Reich: „Barbaren“ – germanische Stämme am Rhein, Goten an der unteren Donau, und Perser im Osten – fielen vermehrt an den Grenzen ein. Hinzu kamen häufige Herrscherwechsel, die wachsende Macht des Militärs, das die jeweiligen Kaiser unterstützte – aber auch ermordete. Wirtschaftliche Probleme wie Inflation und Währungsverfall, steigende Preise und Staatsausgaben, Finanz- und Steuerprobleme v. a. durch das Heer, Rückgang der landwirtschaftlichen Produktion , welche zur Lebensmittelknappheit und Landflucht führte, hatten einen Bevölkerungsrückgang, sinkende Leistungsfähigkeit und natürlich allgemeine Unzufriedenheit zur Folge. Um die Grenzen an verschiedenen Ecken des Reiches vor den „barbarischen“ Einfällen zu schützen, mussten Truppen aus anderen Provinzen abgezogen werden – was den potentiellen Feinden natürlich nicht entging. Nachdem große Teile der Truppen für einen Feldzug gegen die Perser abgezogen worden waren, erfolgten zwischen 233 und 235 Raubzüge germanischer Stämme in Raetien und Obergermanien. Einen Hinweis auf die kritische Lage für die Bevölkerung dieser Zeit liefern zahlreiche Münz- und Hortfunde, die aus Sorge um ihren Besitz von den Menschen vergraben wurden. Oft konnten die Wertsachen nicht wieder geborgen werden.
Im Zusammenhang mit erneuten Einfällen in die Provinz Raetien 253/254 wurde vermutlich die Besatzung an der raetischen Nordgrenze stark verringert und große Truppenteile in anderen Krisengebieten eingesetzt.
Der Vicus von Ennetach, in dem sich Händler, Handwerker und wahrscheinlich auch ehemalige Soldaten niedergelassen hatten, wurde in diesem Zeitraum von seinen Bewohnern verlassen. Sie zogen wahrscheinlich in Richtung Süden, wo sie sich sicherer fühlten.

Die römischen Provinzen im Alpenraum und das römische Straßennetz ca. 150 n. Chr..

DAS RÖMISCHE HEER

Die römische Armee in den Provinzen war in der Kaiserzeit unterteilt in Legionen und Hilfstruppen (auxilia). Daneben gab es Flotten (classis) und kleinere irreguläre Verbände.

In der Legion, der Eliteeinheit der Armee, dienten ausschließlich römische Bürger (cives Romani) mit einem senatorischen Legionslegat (legatus legionis) an der Spitze. Als Stabsoffiziere dienten ihm fünf Tribunen aus dem Ritterstand (tribuni militum angusticlavii), die hier diei zweite Stufe ihrer militärischen Laufbahn absolvierten. Ein weiterer Tribun entstammte dem Senatorenstand (tribunus militum laticlavius). Diese Männer waren allesamt keine Berufssoldaten, sondern absolvierten den Armeedienst als Teil ihrer Karriere innerhalb der Reichsverwaltung. Der ranghöchste Berufssoldat war der praefectus castrorum, der für die Verwaltung und Organisation von Truppe und Lager verantwortlich war. Außerdem beaufsichtigte er alle Werkstätten und Baumaßnahmen. Die Soldaten verpflichteten sich zu 25 Jahren Dienst. Sie erhielten regelmäßigen Sold, Verpflegung, medizinischen Versorgung und bei ihrer Entlassung eine Geldprämie oder auch Landbesitz.

Eine Legion war gegliedert in 10 Kohorten zu je 6 Centurien, an deren Spitze je ein centurio stand. Eine Centurie umfasste ca. 80 Mann in 10 Stubengemeinschaften (contubernia), die auch ihr Essen gemeinsam zubereiten mussten, da es keine Truppenküche gab. In jeder Centurie waren zusätzlich Unteroffiziere und Soldaten mit Sonderaufgaben, z.B. Fahnenträger, Musiker oder Schreiber. Da die erste Kohorte doppelte Stärke aufwies, hatte eine Legion eine Sollstärke von 5280 Mann schwer bewaffneter Infanterie. Dazu kamen noch 120 Legionsreiter. Die tatsächliche Stärke hingegen war oft bedeutend geringer.

Neben den Militärangehörigen gehörten zu jeder Einheit ein regulärer und ein irregulärer Tross, die zusammengezählt etwa noch einmal so viele Menschen umfassten.

Die Hilfstruppen (auxilia) wurden gewöhnlich aus freien Provinzbewohnern ohne römisches Bürgerrecht (peregrini) rekrutiert. Dieses bekamen sie aber nach 25-30 Jahren Armeedienst bei ehrenvoller Entlassung für sich, ihre Frau und ihre Kinder verliehen. Somit wurde durch das Militär die Verbreitung des römischen Bürgerrechts vorangetrieben. Die Auxilia umfassten verschiedene Arten von Spezialeinheiten: leichte Infanterie, Reiter, Bogenschützen, Schleuderer und gemischte Verbände. Die ranghöchsten und am höchsten besoldeten Einheiten waren die Reiterregimenter (alae). Daneben gab es teilberittene Kohorten (cohors equitata) und reine Infanterieeinheiten (cohors peditata). Beide Arten von Kohorten gab es mit Sollstärken von 500 (quingenaria) oder auch 1000 Mann (milliaria), wobei die reale Stärke wohl von diesen Zahlen abwich. Seltener waren die alae milliariae mit fast 1000 Reitern, wie sie in Raetien zunächst in Heidenheim und später in Aalen stationiert war (ala II Flavia).

Außerhalb der Legionen und Auxilia wurden im Bedarfsfall auch Truppen aus verschiedenen Verbänden zu einem Detachement (Truppenabteilung) zusammengestellt, einer sog. Vexillation. Sie bekamen eine gemeinsame Fahne (vexillum) und die Soldaten dienten bis zum Abschluss ihrer Aufgabe unter einem eigenen Kommando. Geleitet wurde eine solche Einheit häufig von einem Legionscenturio, in manchen Fällen auch von einem ritterlichen Praefekten.